J├╝rgen Reichert

Jürgen Reichert ist Gründungsmitglied und
1. Vorsitzender von „Barrierefrei Starten“
Im Gespräch mit… Jürgen Reichert

Warum haben Sie Barrierefrei Starten gegründet?
Als Vater eines Jugendlichen mit Handicap stellte ich mir von Geburt an die Frage  „Wie geht es weiter ? Mit dem Schulabschluss unseres Sohnes in der Bodelschwingh- Schule, einer Förderschule, wurde ich erneut mit dieser Frage konfrontiert – jetzt im Bereich Schule/Ausbildung. Eine Frage, die die Eltern an Grenzen bringt, und auch ihr Kind. Als ehemaliger Vorsitzender des Fördervereins der Bodelschwingh- Schule habe ich in vielen persönlich geführten Gesprächen von den Eltern erfahren, dass sie über das Angebot der bestehenden Institutionen hinaus eine Alternative suchen, die nicht in einem Schubladendenken enden sollte. Unkomplizierte Strukturen waren gefragt. 
Mit diesem Gedanken und auch der Aufgabe, meinem Sohn eine Zukunft gestalten zu können, habe ich mir Gedanken gemacht, inwieweit man einen anderen Weg beschreiten kann. Der Hintergrund hierfür ist, dass die Jugendlichen mit Handicap Fähigkeiten besitzen, die gefördert werden sollten, damit sie sehr wohl auf dem Arbeitsmarkt bestehen können.  Wir haben in unserem Verein Barrierefrei starten Coaches, die darauf spezialisiert sind, Jugendliche mit Handicap in die Ausbildung zu bringen, damit sie nach Beendigung der Ausbildung ein selbstbestimmtes Leben führen können, soweit dieses möglich ist. Durch mein bestehendes Netzwerk in der freien Wirtschaft (Wiesbaden Stiftung und Handwerkskammer u.a,) habe ich Ansprechpartner finden können, die sich dieser Fragestellung aus einer anderen Sichtweise näherten, um Fähigkeit, Werte, Wille, Förderung, Ausbildung wissen und auch mit uns umsetzen!

Baustellen gibt es beim Thema Inklusion so einige - was ist Ihrer Ansicht nach das vorrangigste Ziel? 
Vorrangiges Ziel sollte der Elternwille sein. Es geht um ihr Kind. Nicht der Schultyp sollte entscheidend sein, also Regelschule oder Förderschule, sondern einzig und allein, wie wohl sich die Kinder oder Jugendlichen mit Handicap dort fühlen. Förderschulen auflösen und das Personal an den Regelschulen zu verteilen, bringt keinen Erfolg. Es muss am Modell der Förderschulen festgehalten werden. Ein Kind auf einer Regelschule mit erhöhten Förderbedarf wird Tag für Tag neuem Stress ausgesetzt. Die Regelschulen schlagen Alarm. Die Anforderungen sind gestiegen – die Lehrkräfte sind am Rande der Verzweiflung. Die öffentliche Diskussion läuft gegen Förderschulen und die Eltern trauen sich nicht mehr, diese in deren Obhut zu geben, selbst wenn sie der Ansicht sind, dort das Beste für ihr Kind zu bekommen. Solche Kinder sollten ihren Potenzialen entsprechend gefördert werden, spezielle Einrichtungen und spezielle Schulen sind unverzichtbar. Wenn die Eltern es wünschen, dann werden auch die Förderschulen bestärkt. 
Ich will nicht sagen, dass inklusive Beschulung in normalen Schulen nicht funktionieren kann, jedoch muss von Fall zu Fall unterschieden werden. Die starren Regeln für den Unterricht von behinderten und nichtbehinderten Jugendlichen an Regelschulen sollten gelockert werden. Inklusive Schule bedeutet nicht unbedingt, gemeinsamer Unterricht in jedem Fach. Unterricht in Extraklassen in der Regelschule soll möglich sein. Inklusion braucht auch Sonderpädagogen. Oberstes Kriterium muss immer das Wohl des Kindes sein. Wir müssen uns lösen von der politisch korrekten Vorgabe, nur unter Regelschülern können sich behinderte Kinder gut entwickeln. 

Wie definieren Sie persönlich Inklusion?
Förderung, Teilhabe und Selbstbestimmung in der Mitte der Gesellschaft machen die Inklusion für mich persönlich aus. Sonderstrukturen müssen abgeschafft werden und in der Gesellschaft muss es ein einheitliches Verständnis darüber geben, was genau Inklusion ist.

Haben Sie den Eindruck, dass sich seit der Gründung von Barrierefrei Starten das Klima in der Arbeitswelt im Positiven bereits teilweise gewandelt hat oder liegt da noch viel Arbeit vor uns allen?
Wir von Seiten des Vereins erleben in den Ausbildungsbetrieben, wie offen mit dem Thema umgegangen wird. Die Bereitschaft zeigt sich bei der Vorstellung unserer Jugendlichen sowohl für ein Langzeitpraktikum als auch einen Ausbildungsplatz bis hin zum Angebot, nach der Ausbildung auch einen festen unbefristeten Arbeitsplatz zu erhalten. Dies ist darin begründet, dass wir ein anderes Konzept verfolgen. Sowohl der Arbeitgeber als auch der Arbeitnehmer haben bestehende Ängste. Wie geht man mit der Angst um? Wir bauen die Ängste ab und bieten über unseren Verein ein Angebot hierfür an. Schon in der Schule lassen wir uns von den Förderschullehrern Schüler vorstellen, die aufgrund ihrer Fähigkeiten - und nicht aufgrund von irgendwelchen Tests, die sie durch ein Raster fallen lassen - geeignet sind, eine Weiterentwicklung in der Ausbildung zu haben. Grundlage sind ihre Fähigkeiten, ihre Stärken, der Wille und die Werte. Wir vermitteln dann dank unserer Kontakte in der Handwerkskammer Wiesbaden und anderer Unternehmen Langzeitpraktika, die meistens in einem Ausbildungsverhältnis enden. Wichtig dabei sind unsere Coaches, die als die Säule des Vereins die Jugendlichen von Anbeginn betreuen, individuell ausgerichtet und je nach Bedarf mit einem hohen Zeitaufkommen. Wir beschreiten somit mit den Coaches neue Wege – und schaffen Sonderstrukturen ab!

Glauben Sie, dass eines Tages Barrierefrei Starten überflüssig sein könnte? 
Nein, da unser Konzept Fähigkeiten fördert. Diese Förderung muss bestehen bleiben, damit die Jugendlichen eine Unterstützung erfahren, die sie zu einem selbstbestimmten Leben in den Mittelpunkt der Gesellschaft führen.  Durch unseren Verein werden andere Strukturen aufgebaut statt bestehende Maßnahmen zu verbessern. Barrierefrei starten sollte als eine Ergänzung verstanden werden und nicht als Konkurrenz.

 
 

Bierstadter Straße 45 - im Haus der Handwerkskammer Wiesbaden | 65189 Wiesbaden
06 11 - 185 10 51 | stahl@barrierefrei-starten.de


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